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Prokrastination – kein neues Phänomen

Neben Burnout = Überarbeitung, Boreout = Unterforderung sowie Mobbing = Ausgrenzung gibt es die Prokrastination, der mit den anderen Begriffen immer wieder in den Medien auftaucht. Auch hierfür gibt es einen bekannten verständlichen Begriff: Aufschieberistis

Aufschieberitis

Bei der Prokrastination verbirgt sich hinter einem tollen Begriff ein altes Problem: Die Erledigung von Aufgaben vor sich herzuschieben oft bis kurz vor den Termin. Vieles andere erscheint einem wichtiger bzw. möchte man noch schnell nebenher erledigen.

Klinisch hört sich prokrastinieren natürlich wesentlich gefährlicher an. Denn es wird laut dem Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik als „bedeutsame (sic!) Störung der Selbststeuerung“ oder auch als „pathologisches Aufschieben“ wahrgenommen. Da erscheint es gerade zu geboten, hier so fachmännisch wie möglich entgegenzuwirken.

„Aufschieberitis“ ist jedoch ein Problem, das fast jeder kennt. Populärwissenschaftlich wurden schon viele Bücher und Tipps zu Lösungen gegeben. Medial lässt es sich das Problem gut vermarkten. Die Bücher rund ums das „Vereinfachen von Leben und Organisation“, wozu natürlich auch die Fallen des Aufschiebens von Tätigkeiten gehören, sind Legion. Inzwischen gibt es auch das erste Buch zum Prokrastinieren.

Neues Krankheitsbild – wirklich?

Drunter geht es nicht mehr. Kaum hat ein altes Leiden einen wohlklingenden Begriff, wird es zur psychischen Belastung, ja zu einer psychischen Krankheit hochstilisiert. Harald Martenstein verdeutlicht das in seiner Kolmune über „Prokrastination“ in der Zeit sehr humorvoll.

Das einzige, was ich als wirklich „krank“ empfinde, dass jede normale Erscheinung inzwischen als psychisches Symptom eingestuft wird. Damit tut man Menschen, die psychische Probleme haben keinen Gefallen. Andererseits erhält jeder das Gefühl, der ein Problem für sich erkennt, selbst keine Lösung finden zu können.

Letztendlich geht es um das alte Sprichwort:
„Was Du heute kannst besorgen, dass verschiebe nicht auf morgen“.
Wer sich also häufig dabei ertappt, dass er diesen Grundsatz etwas verändert, indem er das „nicht“ auslässt, sollte sich bewusst mit dem Problem des Aufschiebens auseinandersetzen.

Prokrastination - ein Berg Arbeit
© detailblick – Fotolia.com
Wer seine Arbeit vor sich herschiebt, sieht sich bald einem großen Berg von Aufgeben gegenüber.

Selbstmanagement immer wieder überprüfen

Wer Schwachstellen benennen kann, findet entsprechend Lösungen. Beschreibungen, welche Auswirkungen Arbeitsüberlastung haben, dass Ausgrenzen innerhalb des Betriebes auf vielen Ebenen greift oder dass selbst zu wenig Arbeit zu Stresserscheinungen führen kann, sind dabei hilfreich und wichtig.

Auch dem „Vor-sich-herschieben“ von unangenehmen Aufgaben, von Pflichten oder Gesprächen muss entgegengewirkt werden, wenn es als Störung wahrgenommen wird.
Vor allem Selbstständige müssen lernen, sich selbst zu organisieren. Das ist nicht nur zu Beginn der Selbstständigkeit schwierig. Die Fragen bleiben deshalb immer die gleichen:

  • Wann tauchen bestimmte Probleme auf?
  • Welche Lösungen haben sich bei ähnlich gelagerten Problemen als praktikabel erwiesen?
  • Welche Ablaufstrategien habe ich entwickelt und wo lassen sie sich ändern?
  • Wie setze ich meine Prioritäten?
  • Welche Teilziele kann ich mir setzen? Welchen Zeitraum plane ich dafür ein?
  • Bei welchen Arbeiten bin ich gleich zu Beginn besonders schlecht motiviert?
  • Gibt es Tätigkeiten, die ich auslagern kann?
  • Führt das Aufschieben in bestimmten Bereichen zu existentiellen Schwierigkeiten?
  • Hängt das Aufschieben von Aufgaben von bestimmten Stimmungslagen ab?

 
Vor allem im kreativen Bereich, findet sich dieses „Aufschieben“ häufig. Die Recherche zu einem bestimmten Thema erweist sich für einen Texter als schwierig. Die zündende Idee für ein Logo oder eine Website stellt sich nicht wie gewünscht ein. Die Erfahrung zeigt: bisher hat es immer irgendwie geklappt. Die Arbeit „auf den letzten Drücker“ erweist sich sogar manchmal als besonders effektvoll.

Verhaltensänderung

Wir sind keine Studenten mehr, die mehr oder weniger direkt von Versagensängsten geplagt werden. Dennoch ist die Palette für Gründe, Aufgaben aufzuschieben breit.

Ich möchte nur die beiden Eckpunkte benennen:

  • Mangelndem Selbstbewusstsein
    „Das schaffe ich nie. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll“
  • Perfektionismus
    „Das kann ich noch besser machen, dauert halt ein bisschen“

 
Wer doch etwas ändern möchte, dem hilft ein bisschen googeln mit der Kombination: Aufschieberitis Tipps. wie auf der Seite von Arbeits-ABC.

  • Denken Sie darüber nach, wann Sie besonders Ihre Aufgaben aufschieben.
  • Vermeiden Sie Ablenkung.
  • Wenn Sie ein Teilziel erreicht haben, belohnen Sie sich selbst.
  • Achten Sie auf eine realistische Zielsetzung.
  • Multitasking klappt nicht, das ist inzwischen erwiesen.

Erst wenn sich existentielle Schwierigkeiten durch die Prokrastination bemerkbar machen, weil Sie keinen Termin mehr einhalten und das Geld ausbleibt oder wenn Sie Selbstzweifel plagen, sollten Sie sich um professionelle Hilfe bemühen. Dabei muss allerdings kein Arzt konsultiert werden, wie Martenstein in seiner Kolumne für möglicherweise bald 40% der Amerikaner prognostiziert. Helfen kann durchaus ein gut ausgebildeter Coach, der in Gesprächen gemeinsam Ursachenforschung treibt.

Wenn Sie sich Hilfe holen, zeigen Sie, dass Sie die Grenzen Ihrer Möglichkeiten akzeptieren. Damit können Sie Lösungsstrategien mit einem Coach entwickeln.

Vielleicht sollte dieses „Prokrastinieren“ auch mit Humor genommen werden.

Prokrastination – die Möglichkeit viele andere Dinge zu erledigen 😉

Für den echten Prokrastinierer gibt es ohnehin meist nur eine Rettung: Den Druck im Kessel so ansteigen lassen, dass er die Blockade zerfetzt und die Energie wieder fließen lässt.
Sein Motto: Es gibt keine Sache, die so dringlich ist, dass sie nicht durch Liegenlassen noch dringlicher werden kann! 🙂 Empfehlung dazu: Das Buch von Kathrin Passig/Sascha Lobo: Dinge geregelt kriegen.

Präkrastination die andere Seite der Medaille

Die Prokrastionation hat auch ein Gegenteil: die „Präkrastination“. Diese Menschen möchten ihre Aufgaben immer sofort erledigen. Dabei verlängern sie ihre Listen permanent mit Aufgaben, die auch unbedingt sofort erledigt werden müssen. Das führt zu kopflosem Aktionismus. Das Problem das dahinter liegt, ist trotz hoher Motivation ähnlich wie bei der Prokrastination:

  • Priorität der Aufgaben erkennen
  • Mangelnde Zielsetzung
  • Verzetteln

Sicher gibt es Aufgaben, die Sie gleich erledigen können. Meist haben sie keine hohe Priorität, lassen sich aber in kurzer Zeit abarbeiten. Hier gibt es die sogenannte 3-Minuten-Regel: Was man in drei Minuten erledigen kann, darf man sofort erledigen. Aber Sie sollten hier nicht zu viele dieser Aufgaben erledigen, denn dann ist auch schnell mal eine halbe Stunde vorbei.

Um Präkrastination und Prokrastionation zu vermeiden, hilft eine gute Arbeitsorganisation für den Tag. Dazu gehören zu einem überschaubaren Arbeitspensum immer Pausen.

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9 Gedanken zu “Prokrastination – kein neues Phänomen”

  1. Liebe Frau Radtke,

    chronische Aufschieberitis kann im schlimmsten Fall zu psychischen Störungen führen, daher sollte man versuchen “es in den Griff zu bekommen”. Auf unserem Blog haben wir ebenso sehr umfangreich über das Thema berichtet und auch einige wichtige Tipps gesammelt, wie man der Prokrastination her wird. Vielleicht möchten Sie einmal einen Blick darauf werfen und mir eventuell sogar Feedback geben: https://www.bach-blueten-portal.de/bachblueten-blog/prokrastination-ueberwinden-die-besten-tipps/ Ich würde mich freuen!

    Herzlich Grüße
    Nicole

    • Wobei dem Phänomen der Aufschieberitis immer die Frage nach Henne und Ei ist, wenn es sich um eine psychische Störung handelt. Klar ist, dass sich diese Menschen schnell in einer Spirale finden.

    • Im übrigen kann ich Ihre Seite nur empfehlen, wenn Leute wirklich schon tief im Problem drin stecken. Allerdings halte ich von To-Do-Listen nicht so viel, wenn Menschen alles vor sich herschieben, weil sie Druck nicht aushalten. Damit verstärken sie den Druck, dem sie dann erst recht ausweichen und noch weniger erledigt bekommen.
      Von den 10 Tipps ist für jeden etwas dabei, das seiner individuellen Situation und seinem Naturell entsprechen.

  2. Der neue Begriff scheint sich immer wieder anzubieten, alte Phänomene zu beschreiben. Nur fühlen sich dann diejenigen, die zum Aufschieben von Aufgaben neigen auch wirklich angesprochen.

    Denn es ist sicher wichtig, dass eine Aufgabe, die nicht in Angriff genommen wurde, das allgemeine Konzentrationsvermögen einschränkt. Im Unterbewusstsein fasst diese Aufgabe Fuß.
    Nicht abgeschlossene Handlungsbögen – und nichts anderes ist eine aufgeschobene Arbeit – führen vermehrt zu Unzufriedenheit. Das ist es, was das Aufschieberitis wirklich gefährlich macht.

    Mehr dazu in der Zeit http://www.zeit.de/2012/41/zeitmanagement-stress-freiraum

  3. Gib dem Kind einen Namen und schon wird aus etwas Negativem (Faulheit, Unorganisiertheit oder Unlust) etwas Positives…zumindest dem Anschein nach. Wie Frau Knapp bereits sagte: Es klingt besser. Und was besser klingt, ist auch gar nicht mehr sooo schlecht.

    Ich “prokrastiniere” übrigens auch gerade…. 😉

    • Schlimmer finde ich, wie in dem Zeitartikel so süffisant angemerkt, dass gleich wieder eine Krankheit daraus gemacht wird.

      Inzwischen werden auch diverse Coaches aus der 2. und 3. Liga, dass sie hier Hilfe anbieten können. Da werden Probleme herbeigeredet, die für die Betreffenden oft keine sind.

      Natürlich gibt es vereinzelt Menschen, die sich regelmäßig in Schwierigkeiten bringen, weil sie für Termine in letzter Sekunde Arbeiten fertigstellen. Meist fördert dieser Druck für die Leute, die damit umgehen können, die Kreativität.

      Aufschieben von unangenehmen Dingen ist mir absolut nicht fremd. Ich fühle mich deswegen aber nicht krank oder benötige professionelle Unterstützung. Aber, liebe Frau Röper, wie Sie aus der Büroorganisation wissen, neue Strukturen können auch wahre Wunder bewirken.

  4. Mit dem alten Wein in neuen Schläuchen scheint das Marketing schon das ganze Jahr beschäftigt zu sein. Es fing an mit der virtuellen Sekretärin. Nur seit Telearbeitsplätzen und mit dem Home-Office ist das zwangsläufig so. Aber da wird dann eine neue Dienstleistung kreiert.

    Offenbar sucht man für Choaches ein neues Betätigungsfeld. Es werden zur Zeit jede Menge Seminare zur Weiterbildung für Choaches angeboten.

    Auf das Prokrastinieren bin ich durch eine Werbung zu einem Buch gestoßen. Aber obwohl das Buch bereits im März erschienen ist, gibt es noch keine einzige Rezession dazu, aber schon gebrauchte Bücher zum geringeren Preis.

    Mal sehen, ob die Prokrastination eine ähnliche Laufbahn einschlägt wie das Burnout (hat auch mehrere Jahre gedauert).
    Wer in beiden Bereichen ernsthaft Hilfe benötigt, wird über Hypes dieser Art nicht begeistert sein. Allerweltserscheinungen führen allzu oft auch zu Allerweltslösungen. Und der Gang zum Psychiater ist trotzdem nicht immer von nöten.

  5. Alter Wein in neuen Schläuchen – wieder mal pünktlich zum Sommerloch. “Ich leide unter Prokrastination” hört sich natürlich sehr viel besser an als: “Ich habe lieber was anderes gemacht”, “Ich war zu falul”, “Ich habe darauf keine Lust” oder “Ich kann / will das eigentlich gar nicht”.

    Ohne damit heruntersetzen zu wollen, dass Menschen, aus welchem Grund auch immer, sich mit dieser Aufschieberitis wirklich ernsthafte Probleme schaffen können.

    Ab und an gilt allerdings auch: Manche Probleme lösen sich von ganz alleine, man muss nur lange genug warten.

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