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Crowdworking: „Die Masse macht‘s“

15. Februar 2017 verfasst von Astrid Radtke

Schwarmintelligenz, Sie erinnern sich? Der Schwarm steht für eine große Anzahl von Menschen mit gleichen Zielen. Kollektive Intelligenz, deren Individuen als „Superorganismus“ intelligente Verhaltensweise in der sozialen Gemeinschaft hervorrufen. Der Hintergedanke ist klar: Die Masse, die miteinander kommuniziert, bewegt mehr als der einzelne oder versprengte Gruppen.

Es ist die Masse, die ein Ziel verfolgt und taucht immer mehr in Zusammensetzungen mit Crowd auf: Crowdfunding, CrowdWorking, CrowdSourcing oder CrowdInnovation.

Arbeiten mit der Crowd

Crowdfunding hat dies ganz deutlich gezeigt. Wenn viele nur einen kleinen Teil zu einem gemeinsamen finanziellen Ziel beitragen, kann dies den gewünschten Erfolg als Ganzes bringen. Ein gutes Beispiel ist die Firma Mamamia, in Augsburg. Sina Trinkwalder benötigte für einen großen Auftrag Maschinen und trotz vieler Unternehmenspreise Banken nicht bereit waren, den notwendigen Kredit zu bewilligen. Über Crowdfunding in vielen kleinen Beträgen war es der Unternehmerin möglich, diese Maschinen anzuschaffen. „Für das Wirtschaftsministerium sind wir nicht ökonomisch genug, für das Sozialministerium nicht sozial genug und für das Finanzministerium nicht liquide genug“, schimpft Trinkwalder über die fehlende Förderung.

Für Start-ups ist es heute fast die einzige Möglichkeit an Kapital für eine Gründung zu kommen. Da das Geld kein Kredit ist und die Beiträge oft sehr gering sind, muss dieses Kapital nie zurückgezahlt werden. Raten und Zinsen entfallen damit, was einem Unternehmen, das im Allgemeinen drei bis fünf Jahre braucht, um Fuß zu fassen, eine große finanzielle Bürde abnimmt.
Dass sich Ethik-Banken um Crowdfunding bemühen und eine Plattform anbieten, finde ich eine interessante Entwicklung. Voraussetzung ist, dass sie die dem „Gemeinwohl“ dienen.

„Kleinvieh macht auch Mist“, sagt der Volksmund und so erhält die Crowd eine neue Perspektive in der zunehmend digitalisierten Arbeitswelt. Wenn viele etwas tun, erweist sich das als Gewinn für den Einzelnen.

Kleinteilige Arbeiten – Auftragsvolumen durch Akkord

Für Firmen ist diese Möglichkeit natürlich sehr interessant, denn sie kommen schnell an Ergebnisse, da die Crowdworker ja nur durch die Menge an Aufträgen ein gewisses Einkommen erzielen.
Heimarbeit hieß das früher und war meist miserabel bezahlt. Immerhin konnte hier über die Stückzahl im Akkord noch ein gewisses Einkommen erzielt werden. Ich erinnere mich noch daran, dass Kugelschreiber in Heimarbeit zusammengesetzt wurden. Die heutigen „Heimarbeiter“ müssen aber über ein optimales Equipment und technisches Wissen verfügen. Das gilt vor allem für das Testen von Apps und Websites. Recherche im Internet ist höchst zeitaufwändig, wird aber nicht honoriert, da nur der Auftrag bezahlt wird. Der Akkord kann nur durch entsprechend viel Zeit erzielt werden oder nachlässige Arbeit.

Immer mehr Menschen entscheiden sich gegen eine feste Stelle und erzielen ihr Einkommen über viele kleine Aufträge, die online vergeben werden.

Die einzige Voraussetzung: Ständig online verfügbar, wobei Zeit und Ort keine Rolle spielen, denn die Aufgaben sind vielfältig:
  • Schreibdienste
    vom Brief bis zur Promotion für Journalisten, Gutachter, Doktoranden
  • Apps testen
  • Websites prüfen
  • Webseitenoptimierung (SEO)
  • Bewertungen schreiben
  • Fernkontrolle von Systemen, um den Status von Anlagen zu überwachen

 
Auftragnehmer, die Spaß an Technik haben, oft jung oder nicht auf ein regelmäßiges Einkommen angewiesen sind, gibt es ausreichend. Klickworker ist der neue Begriff für diese Arbeitsverhältnisse.

Sie müssen sich klar sein: Crowdworking bedeutet, arbeiten fast zum Nulltarif

„Die Masse macht’s“, bezieht sich nicht nur auf eine Vielzahl von Anbietern. Der einzelne Anbieter muss viele kleine Aufträge abarbeiten, die oft völlig unterschiedlich sind. Unternehmen vergeben sehr viele kleinere Aufgaben an verschiedene Dienstleister, um sie anschließend wieder zusammenzuführen. Preis und schnelle Verfügbarkeit bestimmen die Vergabe. Dass dabei die Qualität der Leistung wohl eher auf der Strecke bleibt, scheint nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Nur die Menge der Aufgaben sichert das Einkommen, denn die Bezahlung erfolgt oft nicht nach aufgewendeter Zeit, sondern wird pro Auftrag honoriert. Zehn Euro für einen Auftrag ist keine Seltenheit.

Das mag für Schüler oder Studenten interessant sehr. Solange ein Partner für ein stabiles Einkommen sorgt, kann so eine Tätigkeit ein netter Zeitvertreib sein. Wer zum Lebensunterhalt in der Familie beitragen möchte, muss entsprechend viele Aufträge abwickeln, denn nur die Masse ermöglicht ein gewisses Einkommen. Der Wettbewerb ist entsprechend groß und verzerrt die Preise.

Wollen Sie diese Tätigkeit nebenberuflich ausüben, müssen Sie Ihre Krankenversicherung selbst tragen, ganz abgesehen von der Vorsorge fürs Alter. Da kommen Sie mit den üblichen zehn Euro pro Auftrag nicht weit. Denn kaum ein Auftrag wird nur einem Zeitvolumen von 15 bis 20 Minuten entsprechen. Dazu kommt, dass Sie für ihr Equipment selbst sorgen müssen. Außer der Anschaffung sind Sie für die technische Sicherheit Wartung, aktuelle Software bis zum Datenschutz verantwortlich, was mit entsprechenden Kosten verbunden ist.

An diese Aufträge zu kommen, ist nicht so einfach. Deshalb schalten sich Börsen und Agenturen dazwischen. Dass da einiges Geld auf der Strecke bleibt, liegt in der Natur der Sache.

Während ein Festangestellter eine Bindung zur Firma hat und diese vielen einzelnen Aufgaben immer im Gesamtzusammenhang sieht, geht es den Crowdworkern in erster Linie darum im Akkord Aufgaben abzuarbeiten, um ein Einkommen zu erzielen, mit dem sie überleben können.

Sensible Daten und Datensicherheit

Die Datensicherheit schwindet je mehr unterschiedliche Leute mit diesen Daten zu tun haben. Vor allem ist gar nicht klar, wo diese Daten tatsächlich bearbeitet werden. Denn die Aufgaben können in alle Welt verteilt werden. Ausschlaggebend ist der Preis, dass billig nicht zwingend preiswert ist, hat sich offenbar immer noch nicht überall rumgesprochen.

Zudem gibt es keine Sicherheit, dass der Auftragnehmer nicht auch die Produkte der Konkurrenz testet und wertvolles Wissen – vielleicht auch völlig unabsichtlich – weitergibt.

Digitales Prekariat

Die Folgen sind absehbar. Die Einkommen sinken. Waren bisher Einzelselbstständig schon oft von Altersarmut betroffen, wird das durch solche Arbeitsverhältnisse verschärft.

Crowdworking – eine etwas nebulöse Angelegenheit ©Bürodienste in

Crowdworking – eine etwas nebulöse Angelegenheit
©Bürodienste in

Die Gefahr von
  • hybriden Arbeitsverhältnissen nimmt zu, d. h. neben einer Festanstellung werden immer mehr Menschen nebenberuflich tätig sein
  • geringer Entlohnung führt zu mehr Verarmung und damit zur Anfälligkeit für radikale Lösungen
  • von Akkordarbeit, wobei eine hohe Anzahl von Aufgaben in einer Stunde sich negativ auf die Qualität auswirken dürfte.

 
Die Gefahren zeigen deutlich, dass die Arbeitnehmer in unsicheren Verhältnissen leben, was sie psychisch belastet und sie leichter erkranken. Wer krank ist, erzielt kein Einkommen mehr. Das hat bei einem geringen Einkommen existenzbedrohende Auswirkungen.

Gewerkschaften sehen hier große Probleme für die Zukunft, wenn gut ausgebildete Menschen im IT-Bereich sich unter Wert verkaufen. Diese Art der Arbeitsverteilung könnte feste Arbeitsplätze vernichten, gekoppelt mit einem Preisdumping. Ob der Pessimismus der Gewerkschaften gerechtfertigt ist, weiß ich nicht.
Denn schlecht bezahlte Arbeit wird eben nicht immer optimal ausgeführt, was sich Unternehmen auf Dauer nicht leisten können.

Zudem müssen diese vielen kleinteiligen Arbeiten irgendwann wieder zusammengeführt werden, um ein Resultat zu erzielen. Testen z. B. mehrere Anwender eine App oder Website, müssen deren Ergebnisse verwertet werden und entsprechend umgesetzt werden. Wird eine App als nutzerfreundlich bewertet, der Verbraucher aber eher verärgert ist, über den Wert der Leistung, wirkt sich das ausschließlich ungünstig auf das Unternehmen aus, das diese App verbreitet.

Arbeiten im Schwarm braucht jedenfalls feste Regeln, denn ohne Regeln drohen Lohndumping und Missbrauch.

Ausführlich setzt sich die Süddeutsche Zeitung am 30.12.2016 in ihrem Wirtschaftsteil mit diesem Thema auseinander: „Arbeit im Schwarm, schwach entlohnt.“

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Astrid Radtke

Über Astrid Radtke:

Astrid Radtke ist die Initiatorin von "Bürodienste in" Baden-Württemberg, Bayern und Rheinlandpfalz. Sinn des Projekts ist es qualifizierte Bürodienstleister zusammenzuführen und Unternehmen die regionale Suche zu erleichtern. Das Blog ergänzt mit Beiträgen die Kompetenz der Bürodienstleister und zeigt die Vielfalt der Leistungen auf.

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